Aufbruch in die Postwachstums-Ökonomie – Wie wir die Sucht nach Wachstum überwinden

mio02-2013> Wachstum

Nur durch die Einschränkung industrieller Wertschöpfungsprozesse können Lebensziele entwickelt werden, deren globale Verbreitung verantwortet werden.

Wie wir die Sucht nach Wachstum überwinden.

Die Zukunft moderner Konsumgesellschaften umfasst zwei Optionen

Entweder, das auf Wirtschaftswachstum beruhende Wohlstandskartenhaus wird vorsorglich zurückgebaut, oder es kollabiert, was einen umso härteren Aufprall – siehe Griechenland – nach sich zöge. Warum? Erstens scheitert Wachstum absehbar an Ressourcenengpässen („Peak Everything“), zweitens verringert es nicht per se Verteilungsungleichheiten, drittens sorgt es nach Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus für keine Glückszuwächse, sondern kann sogar in Stress oder Überforderung ausarten und viertens ist es nie ohne ökologische Schäden zu haben. Nichts wäre derzeit wichtiger als eine Entlastung der Ökosphäre. Dennoch wandeln sich die Lebensstile ausnahmslos in die entgegengesetzte Richtung. Politikern und vielen Wissenschaftlern fällt dazu nichts Besseres ein, als ausgerechnet jetzt weiteres, wenngleich „grünes“ Wachstum zu propagieren. Das kann nicht funktionieren, weil auch vermeintlich grüne Produkte und Technologien nie zum ökologischen Nulltarif zu haben sind, sondern oft nur Schäden verlagern. Zudem steigert auch grünes Wachstum das Einkommen, so dass die erhöhte Nachfrage über den sog. „Bumerangeffekt“ jede Ressourceneinsparung wieder zunichtemacht.

Insoweit alle Versuche gescheitert sind, durch technische Innovationen eine ökologische Entkopplung des auf maßloser Mobilität, Konsum und Digitalisierung beruhenden Wohlstandsmodells herbeizuführen, verbleibt als einzig verantwortbare Option, das Industriesystem erstens um die Hälfte zu verkleinern, zweitens teilweise zu regionalisieren und drittens um eine Subsistenzökonomie zu ergänzen. Wenn die nach dieser Transformation verbliebene Erwerbsarbeitszeit fair verteilt würde, könnte für jede erwachsene Person im Durchschnitt noch eine 20-Stunden-Beschäftigung verfügbar sein. Damit wäre nur eine sparsame Konsumausstattung finanzierbar. Aber ein Nebeneffekt könnte darin bestehen, sich von jenem Überfluss zu befreien, der ohnehin längst einen Konsum-Burn-Out heraufbeschwört. Außerdem würden die nunmehr freigestellten 20 Stunden Spielräume für drei Kategorien an handwerklicher und kooperativer Selbstversorgung eröffnen.

Nutzungsintensivierung durch Gemeinschaftsnutzung

Wer die Nutzung von Ge brauchsgegenständen mit anderen Personen teilt, trägt dazu bei, industrielle Herstellung durch soziale Beziehungen zu ersetzen. Doppelte Nutzung bedeutet halbierter Bedarf. Verschenkmärkte, Tauschbörsen, -ringe und -partys sind weitere Elemente.

Nutzungsdauerverlängerung

Wer durch handwerkliche Fähigkeiten oder manuelles Im provisationsgeschick die Nut zungsdauer von Konsumobjekten erhöht – zu weilen reicht schon die acht same Behandlung, um frühen Verschleiß zu vermeiden –, substituiert materielle Produktion durch ei gene pro duktive Leistungen, ohne auf Konsumfunktionen zu verzichten. Wo es gelingt, die Nutzungsdauer durch Instandhaltung, Reparatur, Umbau etc. durch schnitt lich zu verdoppeln, könnte die Produktion neuer Ob jekte ent sprechend halbiert werden. Offene Werkstätten, Reparatur- Cafés und Netzwerke des hierzu nötigen Leistungs- und Erfahrungstausches würden dazu beitragen, ein modernes Leben mit weniger Geld und Produktion zu ermöglichen.

Eigenproduktion

Im Nahrungsmittelbereich erweisen sich Hausgärten, Dach gärten, Gemeinschafts gärten und an dere Formen der urba nen Landwirt schaft als dynamischer Trend, der zur De-Industrialisierung dieses Bereichs beitragen kann. Künst le rische und handwerkliche Betätigungen reichen von der kre a ti ven Wie derverwertung ausrangierter Gegen stän de – z.B. zwei kaputte Computer ausschlachten, um daraus ein funktionsfähiges Gerät zu basteln – über selbst gefertigte Holz- oder Metall objekte bis zur semi-professionellen Marke „Eigenbau“.

Moderne Subsistenz bedeutet Autonomie, insbesondere sich durch subversive Taktiken unabhängig( er) von Geld- und Industrieversorgung zu machen. Das Backrezept ist einfach: Industriegüter werden durch eigene Produktion ersetzt oder durch selbsttätige und kooperative Subsistenzleistungen „gestreckt“, um das Potenzial der Bedürfnisbefriedigung einer bestimmten Produktionsmenge zu vervielfachen. Dazu sind drei Ressourcen nötig: Erstens hand werkliches Improvisationsgeschick, künstlerische und substanzielle Kompetenzen. Zweitens eigene Zeitressourcen, denn manuelle Verrichtungen, die energie- und kapitalintensive Industrieproduktion ersetzen, sind entsprechend arbeitsintensiv. Drittens sind soziale Netze wichtig, damit sich verschiedene Neigungen und Talente synergetisch ergänzen können.

Eine derart komplementäre Versorgung steigert die Krisenresistenz und mindert den Wachstumsdruck, weil monetäres durch soziales Kapital ersetzt wird. Mit dem hierzu nötigen Übungsprogramm kann jede/r sofort beginnen. Die Reduktion und Umverteilung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit wäre ein erster Schritt. Kommunale Verwaltungen könnten Anbauflächen, brach gefallene Immobilien und Werkstätten verfügbar machen. Bildung und Erziehung könnten sich stärker an geldlosen Versorgungspraktiken, vor allem handwerklichen Befähigungen orientieren. Unternehmen könnten Reparaturkurse anbieten und müssten über politische Maßnahmen von „geplanter Obsoleszenz“ abgehalten werden, damit aus hilflosen Konsumenten souveräne Reparateure werden. Natürlich wären dies nur einige unter mehreren Schritte, die zu einer „Postwachstumsökonomie“ (Paech 2012) führen. Das Ziel bestünde darin, den Rückbau der Industrie- und Konsumgesellschaft sozialverträglich zu gestalten und ökonomisch zu stabilisieren. Nur so lassen sich Lebensstile entwickeln, deren globale Verbreitung verantwortet werden kann.


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