Zukunftschancen für das Regensburger Land

mio01-2013> Zukunft Region

Landrat Herbert Mirbeth am 1. Schultag im neuen Landkreisgymnasium Lappersdorf

mio im Interview mit Landrat Herbert Mirbeth.

Die Kommunalpolitik und die kommunale Verwaltung können durch ihr Handeln Leitplanken für die Entwicklung unserer Region setzen. Das Marketing Magazin mio sprach mit Landrat Herbert Mirbeth über die aktuelle Lage im Landkreis, den Prozess „Landkreis 2020“ und Zukunftsthemen, mit denen sich die Region in den nächsten Jahren auseinandersetzen wird.

mio: Wo steht der Landkreis Regensburg heute?

Landrat Mirbeth: Der aktuelle PROGNOS Zukunftsatlas stellt dem Landkreis hohe Zukunftschancen in Aussicht. Unter 412 Landkreisen und kreisfreien Städten belegt der Landkreis Regensburg den guten 49. Platz. Vergleicht man die 323 Landkreise, steht der Landkreis Regensburg auf Platz 24.

mio: Wie wird sich die Bevölkerung entwickeln?

Landrat Mirbeth: Im Landkreis Regensburg leben über 185.000 Menschen. Bis 2031 wird laut dem Statistischen Landesamt ein Anstieg auf knapp 190.000 Personen prognostiziert. Der Landkreis Regensburg ist der einzige Oberpfälzer Landkreis, der auch in Zukunft weiter wachsen wird, allerdings nicht durch einen Geburtenzuwachs, sondern durch Zuzüge in unsere Region. Vor allem Familien mit Kindern schätzen das großzügige Grundstücks- und Mietangebote. Die demographische Entwicklung macht aber auch vor dem Regensburger Land nicht halt. Das Durchschnittsalter wird von derzeit 42 auf rund 47 Jahre ansteigen. Gerade die älteren Menschen suchen wieder die Nähe der Stadt. Mit Blick in die mittel- und langfristige Zukunft ist es mir deshalb wichtig, Nachbarschaftshilfevereine flächendeckend im Landkreis zu etablieren und so die Attraktivität für Senioren zu erhöhen.

mio: Sie haben selbst als Landrat die etzten elf Jahre politisch geprägt. Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

Landrat Mirbeth: Als Teil der Region Regensburg schien es mir wichtig, das Profil des attraktiven ländlichen Raumes im Gegensatz zum anonymen Verdichtungsraum besonders herauszustellen und zu stärken. Mit dem Aufbau der neuen Bereiche Regionalentwicklung, Wirtschaftsförderung und Tourismus habe ich Schwerpunkte in der Landkreisentwicklung gesetzt. Gleichzeitig wurde die Jugendarbeit im Landkreis in den letzten zehn Jahren extrem stark ausgebaut. Mit der Gründung des Vereins für Jugendarbeit haben wir auch den Gemeinden ermöglicht, professionelle Jugendarbeit anzubieten. Auf 1.000 Jugendliche unter 21 Jahren kommen 1,2 Mitarbeiter des Jugendamts im Landkreis. Auf der anderen Seite haben wir mit der Schaffung der Seniorenservicestelle ein Beratungsangebot geschaffen, das in Bayern einzigartig ist. Natürlich wurde in den letzten elf Jahren auch die Infrastruktur stark ausgebaut, vor allem im Bereich der Schulen. Außerdem wurde das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs für den Landkreis ausgeweitet und eine Vielzahl von Straßenbaumaßnahmen umgesetzt.

mio: 2011 haben Sie mit dem Prozess „Landkreis 2020“ überregional aufsehen erregt. Was wollten Sie mit dieser Aktion erreichen?

Landrat Mirbeth: In unserer täglichen Arbeit sehen wir oft nur das, was unmittelbar bevorsteht. Es bleibt wenig Zeit dafür, schleichende Veränderungen in der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die Kommunen zu analysieren oder sich Gedanken darüber zu machen, welche Wirkung unser heutiges Handeln in zehn oder 20 Jahren haben wird. Der von mir angestoßene Prozess „Landkreis 2020“ bedeutet, bewusst einmal das Tagesgeschäft hinter sich zu lassen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und gemeinsam Ideen und Visionen für die Zukunft unseres Landkreises zu entwickeln. Noch nie in der Geschichte des Landkreises haben sich der Kreistag und die Gemeinden so intensiv mit der Fortentwicklung ihrer Heimat beschäftigt, wie durch diesen Prozess. Die vier Arbeitskreise des Kreistags tagten 44 Mal, alle Gemeinderäte und Bürgermeister aller 41 Gemeinden beteiligten sich. Ich habe selbst 35 Abendveranstaltungen in den Gemeinden durchgeführt.

mio: Das hört sich nach sehr viel Arbeit an. Hat diese Arbeit auch Früchte getragen?

Landrat Mirbeth: Ja, es sind über 500 einzelne Ideen zusammengekommen. Die wichtigsten Projekte wurden im Herbst letzen Jahres in der dreitägigen Klausurtagung des Kreistags in Herrsching diskutiert und Vorschläge für die Gremien des Kreistags erarbeitet. Die Kreisräte konnten sich einmal ohne den täglichen Zeitdruck ausführlich über Zukunftsthemen austauschen. Der Prozess wurde anfangs belächelt, dann aber von allen Fraktionen als sehr fruchtbar gesehen und der Wunsch geäußert, den Prozess weiterzuführen.

mio: Befinden sich denn bereits Ideen in der Umsetzung, die im Zuge des „Prozesses 2020“ vorgebracht wurden?

Landrat Mirbeth: Eine ganze Menge. Der Kreistag hat bereits die bisherige Deckelung der Ausgaben für den Öffentlichen Personennahverkehr aufgehoben und damit den Weg für ein leistungsfähiges Mobilitätsangebot geebnet. Die Weiterführung der Osttangente zur B 16 wurde bereits in den Kreishaushalt 2013 aufgenommen. Darüber wird ein Seniorenpolitisches Gesamtkonzept für den Landkreis Regensburg erarbeitet werden. Um das ehrenamtliche Engagement im Landkreis in Zukunft noch mehr zu würdigen, haben wir die Freiwilligenkarte zusammen mit der Stadt Regensburg auf den Weg gebracht. Der Landkreis nutzt durch seinen neuen Twitterkanal mittlerweile auch die Möglichkeiten des Web 2.0 und beim Breitbandausbau wird versucht, in Kooperation mit den Gemeinden zukunftsfähige Strukturen zu schaffen. Das sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, dass die Ergebnisse des Prozesses nach und nach umgesetzt werden um unseren Landkreis für die Zukunft zu wappnen.

mio: Welche Themen sind denn Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren die Zukunftsthemen für unsere Region?

Landrat Mirbeth: Die Energiewende ist sicherlich ein Thema. Der Knackpunkt ist, dass wir die Energiewende gemeinsam mit den Bürgern in den Gemeinden vorbereiten und die Bürger bei der Energiegewinnung zu Beteiligten machen müssen. Allgemein wird die kommunale Versorgung nicht nur mit Strom sondern auch z. B. mit Trinkwasser ein wichtiges Thema sein. Ich möchte nicht auf ein Wasser verzichten, das unter der Verantwortung der Bürgermeister und Verbandsvertreter als wertvolles „Bürgerwasser“ in die Leitungen kommt. Wer das Wasser aus der regionalen Verantwortung herausnimmt und in ein anonymes „Konzernwasser“ umwandelt, der kann nicht ausschließen, dass eines Tages ähnliche Qualitätsverluste die Folge sind. Weitere wichtige Zukunftsthemen für den Landkreis sind die eigentlich vom Bund aufzubauende Breitbandversorgung, der demographische Wandel und damit einhergehend auch die Sicherung an qualifi- zierten Fachkräften für unsere Betriebe, die Revitalisierung der Ortskerne und der Ausbau der Mobilität. Beim demographischen Wandel müssen Antworten gefunden werden, in welcher Form in Zukunft alte Menschen betreut werden sollen. Natürlich müssen wir auch das Angebot unseres Öffentlichen Personennahverkehrs den neuen Bedürfnissen anpassen und auch neue unkonventionelle Angebote entwickeln. Ein Schlüssel für die Zukunft liegt auch in einer begabungsgerechte Ausbildung unserer jungen Menschen aus der Region. Jeder Mensch hat Talente, ob im theoretischen oder praktischen Bereich. Wenn diese Talente begabungsgerecht gefördert werden, haben wir als Region schon gewonnen. Jeder in Politik und Gesellschaft muss seinen Beitrag dazu leisten, dass die praktischen Berufe wieder mehr Anerkennung und ansehen finden.

mio: Sehen Sie den Landkreis Regensburg in der Zukunft als Konkurrenz zur Stadt?

Landrat Mirbeth: Die Entwicklung hat längst begonnen, dass die Regionen in einer Konkurrenz zueinander stehen. Die Region Regensburg beispielsweise mit der Region Ingolstadt oder über die Zeit hinweg sicherlich aus mit Pilsen. Ein Widerstreit innerhalb Veranstaltungshinweis: Am 8. Juli 2013 ist Landrat Herbert Mirbeth zu Gast info@marketingclubregensburg. anmelden Landrat Herbert Mirbeth am 1. Schultag im neuen Landkreisgymnasium Lappersdorf der Region wäre daher genau das, was wir uns nicht leisten dürfen. Stadt und Land müssen sich daher ergänzen, um gemeinsam eine starke und dynamische Zukunftsregion zu bilden. Wir arbeiten in sehr vielen Bereichen eng mit der Stadt zusammen. Im Bereich Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen (Kneitiger- und Sinzinger Brücke) würde ich mir allerdings noch einen größeren Kooperationswillen der Stadt wünschen. Wenn die Verkehrsinfrastruktur nicht weiterentwickelt wird, gefährden wir schnell unsere gute Wettbewerbsposition. Verwaltungsgrenzen müssen als Gestaltungsgrenzen die Hindernisse überwinden. Die Schaffung eines handlungsfähigen Regionalrats, der bindende Entscheidungen treffen könnte, wäre die Lösung. Hier müsste uns der Landesgesetzgeber das richtige Instrument in die Hand geben. Es kann nicht sein, dass in einem gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum die für die ganze Region wichtigen Entscheidungen lange Zeit blockiert werden.

mio: Schauen wir abschließend noch ein wenig in die Zukunft. Wie könnte der Landkreis im Jahr 2020 aussehen?

Landrat Mirbeth: Zusammen mit der Stadt Regensburg ist der Landkreis eine florierende Wirtschaftsregion, die in Bayern seinesgleichen sucht. Durch die Standortgunst im Raum zwischen den Metropolregionen München und Nürnberg, durch die Nähe zu den neuen Märkten im Osten siedeln sich immer mehr innovative Unternehmen in der Region an. Ein Vorteil wird aus sein, dass der Landkreis einen immer größeren Anteil seines Stromverbrauchs durch regenerative Energien wird abdecken können. Aber auch immer mehr ältere Menschen werden das Bild des Landkreises prägen. Viele von ihnen sind noch rüstig und engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen und sozialen Initiativen. Deshalb unterstützen und initiieren wir ein flächendeckendes Netz von Nachbarschaftshilfevereinen. Das überall gegebene „Mehrgenerationenhaus“ kann so vielleicht durch den „Mehrgenerationen-Straßenzug“ oder das „Mehrgenerationen-Viertel“ ersetzt werden. Lassen Sie mir diesen schönen Traum – ich hoffe, er wird Wirklichkeit. Ich bin sehr zuversichtlich, denn es gibt schon viele gute Ansätze.


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