KA was die meinen

mio01-2014> Jugendsprache

Ein Blick auf die kreative Kommunikation und sonderbare Semiotik der Generation Web 2.0.

Wenn die Pubertät beginnt, geht der IQ in den Urlaub. Das könnte man meinen, wenn man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln einmal traut, die Ohren offen zu halten: „Der macht ja schon beim Sprechen Rechtschreibfehler!“ so fasste heute Morgen in meinem Bus ein junger Mann das Gefühl einer erwachsenen Generation treffend in Worte.

Jugendsprache ist eine Sondersprache – das soll nicht bedeuten, dass diese Sprachform nur von Sonderschülern verwendet wird, oder dass sie besonders sonderbar ist, sie ist nur anders. Und anders bedeutet nicht automatisch schlecht. Auch wenn viele Kulturpessimisten gerne den Verfall der deutschen Normsprache propagieren. Die meisten Jugendlichen können gut zwischen Proll- und Paradesprache umschalten.

Hast du Problem, oda was?!

Identitätsbildung und Bildung. In der Pubertät scheint das für Außenstehende unvereinbar. Jugendsprache erfüllt den Zweck, sich von der Sprache der Erwachsenen abzugrenzen. Viel wichtiger ist dabei jedoch, durch einen bestimmten Sprachcode in einer Gruppe akzeptiert zu werden. Die Meinung der Clique ist in dieser Phase der Selbstfindung wichtiger als Mamas 

und Papas Urteil. Kommunikation nimmt einen hohen Stellenwert ein. Wer ist der Witzigste, der Frechste und damit der Lässigste? In sprachlichen Ringkämpfen fechten Jugendliche – Jungen wie Mädchen – ihren Platz in der Gruppe aus. Dabei kann es für erwachsene Ohren schon mal derb zugehen. 

Obszönitäten und Kraftausdrücke sind an der Tagesordnung und stoßen Lehrer und Eltern vor den Kopf. Die jungen Menschen dramatisieren, um ihren tobenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Dabei finden sie kreative Wege, mit der eigenen und anderen Sprachen zu spielen. Unterschiedliche Jugendgruppen haben dabei ihren ganz eigenen und oft regionalen Jargon: Ein Gamer in Regensburg spricht anders als ein Sportler in Berlin. Wer den Code kennt, ist integriert. 

Das wächst sich aus.

Schon im 19. Jahrhundert bildete sich in Studentenverbindungen ein eigener Sprachstil heraus. Neben Neuwortschöpfungen benutzen die Jugendlichen heute auch einen ganz eigenen Grammatik-Stil. Um schnell kommunizieren zu können, fallen vor allem Verben und Artikel dem Rotstift zum Opfer. Auch wenn dadurch die Sprechweise der Jugendlichen befremdlich klingt, sollte man die Grundaussage dennoch ernst nehmen. Denn darum geht es den Jugendlichen, egal wie aggressiv und unhöflich sie auftreten, sie wollen nur ihren Standpunkt verstanden wissen. 

Mit fortschreitendem Alter und der Aussicht auf den Berufseinstieg werden die Sätze wieder länger und komplexer. Der Wunsch nach sprachlicher Abgrenzung lässt nach. Es gibt jedoch eine Spielwiese, auf der niemand je dem Jugendalter zu entwachsen scheint: das Internet. 

Menschen jeder Altersstufe nutzen diese Plattform, um sich jung geblieben und dynamisch darzustellen. Dazu bedienen sie sich bei Elementen der Jugendsprache und kürzen gnadenlos. Akronyme nennt man diese Kürzel, bei denen sich in einigen Buchstaben ganze Sätze verstecken können.LUAUKI?

So leitet mancher Chat die Wochenendplanung ein. Eine einfache Aufforderung zum Kinobesuch. Besonders in Internetforen und Chatprogrammen für Smartphones zeigt sich die Kreativität einer Generation. Buchstaben, Zahlen und Zeichen werden herangezogen und zu Wörtern, Sätzen und emotionalen Smileys verbaut. Daraus hat sich eine ganz eigene Form der Sprache entwickelt, die rasante WhatsApp-Unterhaltungen und kryptische Nachrichten FYEO – For Your Eyes Only – ermöglicht. Für manchen befremdlich, aber in jedem Fall spannend ist die Betrachtung dieser Jugendkultur, die ein hohes Maß an Originalität und Witz zeigt. Deshalb sollte die ältere Generation vielleicht einfach mal ein bisschen chillen und sich freuen, dass ihre Kinder so kreativ sind.

Und wenn Sie das nächste Mal denken „OMG! WTF? Was erzählt mein Bub da?“, dann entspannen Sie sich. Sie waren auch einmal Teil einer jugendlichen Sprachkultur, die mit Unverständnis zu kämpfen hatte. 

 

THX fürs Lesen!


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